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150 Jahre - Ein Blick in die Geschichte

Friedrich Arnold Brockhaus, Leipzig, Querstraße 16

Was hat Brockhaus / Antiquarium mit dem „Großen Brockhaus“ zu tun? Das über 150 Jahre alte Antiquariat und das Konversationslexikon, welches entweder in Halblederbänden oder als CD-ROM in fast jedem Bücherregal zu finden ist, haben eine gemeinsame historische Wurzel. Friedrich Arnold Brockhaus (1772–1823), Spross einer westfälischen Pastorenfamilie, gründete 1805 in Amsterdam eine Buchhandlung und einen Verlag, die seit 1814 den Namen F. A. Brockhaus führten. Im Jahre 1817 siedelte er nach Leipzig über, das schon damals das Zentrum deutscher Buchkultur war. Hier errichtete er 1818 eine Druckerei, in der er fortan die von ihm verlegten Werke herstellen ließ.  

1. Januar 1856 – Der „Große Brockhaus“ und das „Antiquarium“

Die Firma expandierte. 1827 kauften die Söhne und Nachfolger des Firmengründers, Friedrich und Heinrich Brockhaus, die Kommissionsbuchhandlung von Heinrich Eduard Gräfe und traten dem 1825 gegründeten Börsenverein des deutschen Buchhandels (damals noch: der deutschen Buchhändler) bei. Daraus ging 1829 das F. A. Brockhaus Kommissionsgeschäft hervor, das als Zwischenbuchhandel eine Brücke zwischen Verlags- und Sortimentsbuchhandel schlug. 1837 übernahmen die Brüder Brockhaus – Friedrich kümmerte sich um Technik und Logistik, Heinrich um die verlegerischen und buchhändlerischen Belange – die Leipziger Import- und Exportbuchhandlung „Avenarius und Friedlein“. Diese führten sie unter dem Namen „Brockhaus und Avenarius“ weiter und unterhielten bis 1844 sogar eine Filiale in Paris. Die vergriffenen Bücher vertrieb F. A. Brockhaus zunächst über das Sortiment. Da sich aber schnell daraus ein lukratives Geschäft entwickelte, entschloss man sich zur Gründung eines eigenen Antiquariates. 

Eine Schatzkammer für Seltenes und Wertvolles, Außergewöhnliches und Exotisches, in Buchform 

Am 1. Januar 1856 war es so weit. „Die Anfänge eines antiquarischen Lagers hatten sich nach und nach gebildet; besonders führten ausgedehnte Tauschgeschäfte von Werken des eigenen Verlags sowohl gegen eigentliche antiquarische Artikel als auch neue Publicationen anderer Verleger zur Begründung und allmählichen Entwicklung des Antiquariums. Die Vereinigung beider Zweige, des Sortimentsgeschäfts und des Antiquariums, welche sich ohnehin in ihrem Geschäftsgang berührten, erfolgte 1. Januar 1856, von welchem Zeitpunkt ab die Firma ‚F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium’ datirt.“ So steht es in einer Brockhaus-Festschrift aus dem Jahre 1872.

Als „Antiquarium“ bezeichnete man im 19. Jahrhundert die fürstlichen Kunst- und Antiquitätenkabinette, in denen sich alles ansammelte, was den Besitzern wert, teuer und exotisch schien. Und als solches galt das „Antiquarium“ im Hause Brockhaus wohl auch von Anfang an: als eine Schatzkammer für Seltenes und Wertvolles, Außergewöhnliches und Exotisches – in Buchform. 

Heinrich Brockhaus, die Verlegerpersönlichkeit, engagiert Paul Trömel, einen „reich begabten Geist“ 

Die Jahre der Expansion fallen in die Ära Heinrich Brockhaus (1804–1874). Dieser war mit Fünfzehn ins Geschäft eingetreten und beim Tode seines Vaters Friedrich Arnold 1823 erst siebzehn Jahre alt, als die Geschicke des Leipziger Hauses in seine Hände und die des Bruders Friedrich übergingen. Vielseitig und weltweit interessiert, gebildet, liberal, großzügig und mutig war Heinrich Brockhaus derjenige, der das Unternehmen zu einer Bedeutung und Größe brachte, die nie übertroffen wurde. Er war eine der bedeutenden Verlegerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts und die treibende Kraft, die aus dem Verlag des Großen Brockhaus ein Haus des Buches machte, das alle Sparten des Verlags- und Buchhandelswesens unter einem Dach vereinigte. Und es war Heinrich Brockhaus, der mit einer Personalentscheidung für einen guten Start des jungen Antiquariums sorgte: Er übertrug dessen Leitung Paul Trömel (1832–1863). Dieser „reich begabte Geist“, wie ihn Heinrich Brockhaus einmal nannte, trat 1847 als Lehrling in den Verlag ein, wo sein Vater die Position des „Oberfaktors“ ausfüllte, was etwa der eines heutigen Abteilungsleiters entspricht. Sohn Paul erlernte zunächst in der Abteilung „Commissionsgeschäft“ die Grundlagen des Buchhandels. Heinrich Brockhaus fand Gefallen an dem neuen Gehilfen und übertrug ihm die Pflege der Brockhaus’schen Privatbibliothek. Nach getaner Tagesarbeit, versteht sich. Da blieben Paul Trömel nur wenige Mußestunden für eigene Studien – die er nutzte. Seinen „bibliographischen Versuch“ mit dem Titel Die Literatur der Deutschen Mundarten vollendete er 1854. Fast „nebenbei“ gab er die bei Brockhaus gedruckte Allgemeine Bibliographie heraus und besorgte als verantwortlicher Redakteur von 1858 bis 1862 den Central- Anzeiger für Freunde der Literatur sowie die Bibliografia Polska. Heinrich Brockhaus, der 1856 die „Wiederbelebung (des) ausländischen Geschäfts und des damit verbundenen (neuen) Antiquariums“ im Auge hatte, sah in Trömel den richtigen Mann zur Leitung desselben: Aus der Praxis des Buchhandels kommend und von profunder Bildung, besaß Trömel die idealen Voraussetzungen zum Antiquar und Sortimenter. 

Bibliothèque Américaine – 435 Bücher, „wol irgendwo in Amerika als ein Ganzes aufgestellt“ 

Um die „einschlagenden Verhältnisse des Auslandes“ genauer kennen zu lernen, begab sich Paul Trömel auf Reisen durch Deutschland, Frankreich, England, Belgien und Holland. Bei dieser Gelegenheit erwarb er in Amsterdam eine Sammlung von Schriften zur Geschichte Amerikas. Daraus entstand 1861 die Bibliothèque Américaine. Catalogue raisonné d’une collection de livres précieux sur l’Amérique parus depuis sa découverte jusqu’à l’an 1700. Heinrich Brockhaus lobte den Katalog als „eine Arbeit, die immer ihren Werth behaupten wird und die man wegen der den einzelnen Titeln beigefügten historischen und bibliographischen Notizen sowie wegen der geschmackvollen Ausführung des Ganzen als ein kleines bibliographisches Meisterwerk bezeichnen darf“. Die Bibliothèque Américaine umfasste 435 Nummern, die Preise darin bewegten sich zwischen 1 und 100 Talern, die man für das seltenste Werk mit dem Vermerk „seul exemplaire connu“ aufbringen musste: die 1662 von P. C. Plockhoy verfasste Schrift Kort en klaer ontwerp / dienende tot / Een onderling Acooort, / om / Den arbeyd, onrust en en moeye- / lijckheyt, van Alderley-handwercxs- / luyden te verlichten … Die Sammlung ist dann nach London verkauft und, so Heinrich Brockhaus, „wol irgendwo in Amerika als ein Ganzes aufgestellt“ worden. 

„Er war der begabteste und hingebendste Mitarbeiter, den die Firma Brockhaus je gehabt hat“  

In nicht mehr als sechs Jahren machte Paul Trömel das Brockhaus /Antiquarium weltweit bekannt, erwarb sich einen Ruf als Bibliograph und knüpfte Kontakte zu den Größen seiner Zeit. Der Dichter Justinus Kerner erkundigte sich persönlich bei Heinrich Brockhaus, „ob dieser mir so theure Mann noch lebt“ – worauf sich ein intensiver Briefwechsel zwischen Trömel und Kerner entspann, der in einem Besuch im Weinsberger Kerner-Haus gipfelte. Die bekannteste Arbeit des ersten Brockhaus- Antiquars aber war kein Antiquariatskatalog, sondern eine Bibliographie, die noch heute oft für einen Katalog gehalten wird: Schiller- Bibliothek. Verzeichniss derjenigen Drucke, welche die Grundlage des Textes der Schiller’schen Werke bilden.

1861 ernannte die Geschäftsleitung Trömel in Anerkennung seiner Leistungen zum „Associé der Firma F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“. Ein Jahr darauf, am 1. Januar 1862, starb er. Die Schiller-Bibliothek erschien posthum mit einem sehr persönlich gehaltenen Nachruf seines Mentors, aus dem die oben angeführten Zitate stammen. Heinrich Brockhaus würdigte Trömel: „Er war der begabteste und hingebendste Mitarbeiter, den die Firma Brockhaus je gehabt hat.“  

1857 – Dom Pedro II. ernennt Brockhaus zum Hofbuchhändler des brasilianischen Kaisers 

Danach führte zunächst für 27 Jahre Hermann Ziegenbalg das Antiquarium. Später folgten Erasmus Kasprovicz, Otto Kistner, Hermann Richter und Arnold Kuczynski, die alle auch für das Sortiment zuständig waren. Es waren Jahre des Aufschwungs. Bald schon nahm „F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“ beim Absatz ausländischer Literatur in Deutschland und deutscher Literatur im Ausland eine der ersten Stellen ein – mit besonders guten Verbindungen nach Brasilien und Nordamerika. Belohnt wurden die weltweiten Aktivitäten im Jahre 1857 vom brasilianischen Kaiser Dom Pedro II. Der den Künsten und Wissenschaften zugewandte Regent ernannte „F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“ zum „Buchhändler des kaiserlichen Hauses“. Vom damit verbundenen Recht, das Wappen des brasilianischen Hofes an der Vorderseite des Geschäftsgebäudes anzubringen, machten die Leipziger im 19. Jahrhundert allerdings keinen Gebrauch; die damals geknüpften Beziehungen pflegt die Exportbuchhandlung unter dem Namen Brockhaus / German Books jedoch noch heute, vor allem nach Nordamerika. 

Bücher über Bücher, 8972 Nummern Classische Philologie und Alterthumskunde 

„F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“ war das klassische wissenschaftliche Antiquariat des 19. Jahrhunderts. Ausgestattet mit einem großen Lager und – gemessen an heutigen Verhältnissen – zahlreichem Personal publizierte man umfangreiche Kataloge, in denen sich Raritäten wie Inkunabeln oder seltene Erstdrucke mehr oder weniger unspektakulär neben die preisgünstige Forschungsliteratur einreihten. Da Antiquarium und Sortiment eng miteinander kooperierten, nahm man auch so genannte „Blindaufnahmen“ von Büchern in die Kataloge auf, die nicht im Lager standen. Bei Bedarf besorgte diese die hauseigene Buchhandlung – eine Praxis, die übrigens noch vor 25 Jahren bei Brockhaus /Antiquarium üblich war.

Noch galt das Antiquariat im Hause F. A. Brockhaus nicht als Spezialist für Reisebeschreibungen und Entdeckungsgeschichte. Der Schwerpunkt lag generell auf den Natur- und Geisteswissenschaften. Oft bot man ganze Sammlungen von Gelehrten an, etwa die Bibliothek des Ägyptologen und Orientalisten Richard Lepsius oder die bedeutende botanische Bibliothek der Brüder Carl und Eduard Morren aus Lüttich. Nicht selten enthielten die Kataloge 4.000 bis 5.000 Titel, doch die Classische Philologie und Alterthumskunde übertraf im Jahre 1887 alle – mit 8.972 Nummern! Da nimmt es nicht Wunder, dass der leitende Brockhaus-Antiquar, die zwölf „Gehülfen“, der Expedient sowie die fünf Markthelfer und Burschen, die ihm damals zuarbeiteten, vollauf damit beschäftigt waren, die gewünschten Bücher aus den Regalen zu holen, zu verpacken, zu fakturieren, zu versenden oder direkt zur Kundschaft zu tragen – um dann wieder für neuen Nachschub in neuen Katalogen zu sorgen.

„Die Arbeit des A(ntiquars) ist mühselig, bietet jedoch die Möglichkeit zur Selbständigkeit und zu einer angesehenen Stellung“

In dieser Hinsicht erscheint das Zitat aus dem Großen Brockhaus von 1928 nur zu verständlich – mühselig, ja, aber eine „angesehene Stellung“? Dort heißt es weiter: „In Deutschland hat sich bes(onders) das wissensch(aftliche) Antiquariat zu großer Blüte entwickelt, indem es, z. T. mit Berücksichtigung der einschlägigen neuen Literatur, sorgfältig bearbeitete Spezialkataloge über einzelne Wissenschaften herausgab, die nicht selten für den Gelehrten den Wert von Bibliographien haben.“ Diese Entwicklung setzte im 19. Jahrhundert ein.

Brockhaus / Antiquarium ist nicht das einzige Antiquariat, dessen Spuren sich so weit zurückverfolgen lassen. Das Erasmushaus in Basel wurde 1800 gegründet, Müller & Gräff 1802 in Stuttgart, A. Asher 1830 in Berlin (weshalb in der Bibliothèque Américaine Vermerke wie „Asher No. 77“ oder „Asher No. 588“ regelmäßig zu lesen sind). Auch J. A. Stargardt, damals noch in Marburg, heute Berlin, wurde 1830 gegründet. Die beiden Londoner Antiquariate Quaritch und Maggs stammen aus den Jahren 1847 und 1853. Ludwig Rosenthal’s Antiquariaat reicht bis 1859 zurück und die ehemals Königliche Hofbuchhandlung Theodor Ackermann in München (2003 geschlossen) bis ins Jahr 1865, während Harrassowitz, wie Brockhaus eine Leipziger Gründung, 1872 die Geschäfte aufnahm.

Doch geben die Leute kein Geld mehr für Champagner aus, hieß es früher in Londoner Antiquariatskreisen, dann kaufen sie auch keinen Luxus, erst recht keine schönen alten Bücher. Als die konjunkturelle Hochphase und der florierende Exporthandel durch Kriege und Wirtschaftskrisen ein Ende fanden, schlug die gesellschaftliche Hochstimmung der Jahrhundertwende in eine Katerstimmung um – die Blütezeit der Bibliophilie war vorerst vorüber. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte der Antiquariatsbuchhandel einen Wandel durch, gegen den die heute viel diskutierte vermeintliche Kehrtwende vom Laden- und Katalog- zum Internetgeschäft eine vergleichsweise unbedeutende Wegmarke darstellt. Wollte man weiter „in angesehener Stellung“ bestehen, musste man sich an die sich rasant ändernden Verhältnisse anpassen – und sich seinerseits verändern. „F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“ kam dabei ein Fingerzeig des Schicksals zu Hilfe, den weniger romantische Geister als verlagsinterne Notwendigkeit interpretieren würden.  

Jahrhundertwende – Ein Globus als Fingerzeig des Schicksals 

Eines Tages – Albert und Rudolf Brockhaus hatten das Erbe von Friedrich und Heinrich Brockhaus angetreten – saßen jene beiden neuen Herren der Leipziger Querstraße im nobel ausgestatteten Besprechungszimmer. Man beriet sich unter anderem über das Antiquarium. Da löste sich ein auf dem Schrank stehender kleiner Globus und fiel einem der beiden Anwesenden auf den Kopf. Damit fiel auch eine Entscheidung: Von nun an spezialisierte sich Brockhaus / Antiquarium auf Geographie und Reisebeschreibungen.

Eine schöne Geschichte, die sich aus der Zeit um 1890 als Firmenanekdote erhalten hat. Selbst wenn sie nicht wahr sein sollte, ist sie doch gut erfunden. Wahrscheinlicher aber als dieser „Fingerzeig des Schicksals“ ist Folgendes: Für die Spezialisierung des Antiquariums war eine Richtungsentscheidung im Verlag ausschlaggebend. Schon 1851 erschien bei F. A. Brockhaus mit Adolf Kirstens Skizzen aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein wichtiges Reisewerk. In den Jahren 1855 bis 1859 druckte man dann die Brockhaus’ Reise- Bibliothek für Eisenbahnen und Dampfschiffe – eine in jener Zeit der neuen, schnelleren und weiteren Reisemöglichkeiten beliebte Buchform, die man den Passagieren zu Lande und zu Wasser ins Coupé oder in die Kabine legte.  

Die Welt wurde kleiner, das Abenteuer zog in die Bücherregale ein – und mit ihm die Brockhaus-Reiseliteratur 

Eine Reise, die früher mit Pferd, Kutsche oder Segelschiff Monate beansprucht hätte, dauerte plötzlich nicht mehr als ein paar Wochen oder Tage. Distanzen, die früher unüberbrückbar schienen, rückten in greifbare Nähe. Die Briten wurden Kolonialmacht in Asien und Afrika, die Franzosen in Nordafrika, Südostasien und Polynesien, die Belgier im Kongo, die Deutschen in Südwestafrika, Kamerun, Togo, in der Südsee und auf Samoa. Abenteurer und Entdecker brachen auf. Als syrischer Kaufmann verkleidet gelangte Johann Ludwig Burckhardt bis nach Mekka, was ihm den Ehrentitel eines „Hadschi“ einbrachte. Oskar Lenz erreichte das sagenhafte Timbuktu, während Stanley auf der Suche nach dem verschollenen Livingstone Afrika durchquerte. Nansen, Amundsen, Scott, Shackleton und viele andere trugen den Wettlauf zu Nord- und Südpol aus, beobachtet von der ganzen Welt. Die Daheimgebliebenen packte das Fernweh und sie packten ihre Koffer. Sie reisten in ferne Länder – oder wollten zumindest Geschichten darüber lesen. Die Welt wurde kleiner, das Abenteuer zog in die Bücherregale ein – und mit ihm die Brockhaus- Reiseliteratur.

So kamen die beliebten Brockhaus-Bücher auf den Markt, seit 1872 mit ihrem typischen Gesicht durch die bis heute bekannten Einbände, auf denen der abenteuerliche Inhalt ins Bild gesetzt wurde. Ob als Jugendbuch gekürzt in der Reihe Reisen und Abenteuer oder als ausführlicher, offizieller Expeditionsbericht, die Reisewerke von F. A. Brockhaus fanden reißenden Absatz und zählten bald zu den Klassikern. Genannt seien hier nur einige: Georg Schweinfurths Im Herzen von Afrika, Gerhard Rohlfs’ Expedition zur Erforschung der Lybischen Wüste, Henry M. Stanleys Im dunkelsten Afrika, Gustav Nachtigals Sahara und Sudan, Adolf E. Nordenskjölds Die Umsegelung Asiens und Europas, Heinrich Schliemanns berühmter Ausgrabungsbericht Troya sowie ein Bestseller – Fridtjof Nansens In Nacht und Eis.  

„Ihre Freundschaft ist die kostbarste Auszeichnung, die ich durch meine Reisen in Asien gewonnen habe“ (Sven Hedin an Albert Brockhaus) 

Ein Freund des Verlages und der Familie, der über ein Vierteljahrhundert von 1899 bis 1921 in engem Kontakt mit Albert Brockhaus stand, war einer der prominentesten Reisenden überhaupt: Sven Hedin. 1910 schrieb er an Albert Brockhaus: „Ihre Freundschaft ist die kostbarste Auszeichnung, die ich durch meine Reisen in Asien gewonnen habe.“ Das gute private Verhältnis zwischen Autor und Verleger, dokumentiert in dem 1941 von Suse Brockhaus edierten Briefwechsel, war eine der Grundlagen für den beiderseitigen Erfolg. F. A. Brockhaus machte Svens Hedins Expeditionen über die schönen Buchausgaben in Deutschland bekannt, und die Beliebtheit, die Hedin hier genoss, steigerte das Ansehen des Verlages. F. A. Brockhaus und Abenteuer in Tibet, F. A. Brockhaus und Transhimalaja – das war in den Augen der Leser bald gleichbedeutend mit F. A. Brockhaus und Reiseliteratur. Für das Brockhaus / Antiquarium hat sich diese Assoziationskette bis ins 21. Jahrhundert erhalten. Sie ist zu einem Markenzeichen geworden.

Bis es so weit kommen konnte, musste das Antiquarium – wie Sortiment und Verlag – Krisenjahre bewältigen. Zwar kam ab 1928 die berühmte fünfzehnte Auflage des Großen Brockhaus auf den Markt, doch Krieg, Streiks und Inflation hinterließen ökonomische Spuren. Über das Antiquarium gibt es kaum historisches Material oder Kataloge aus jenen Jahren. Vermutlich wurden die alten Bücher wie früher über das Sortiment verkauft. Sicher hatte auch das Brockhaus / Antiquarium unter der Inflation zu leiden. „Die zahlreichen Neugründungen der Inflationszeit waren wohl der beste Beweis für das einträgliche Geschäft, das mit dem Vertrieb antiquarischer Bücher vermutet wurde. Als die Einführung der Rentenmark die Scheingewinne in ein Nichts zusammenschmelzen ließ, schloss mancher unerfahrene Inflationsantiquar die Tür seines leeren Lagers hinter sich und verschwand still aus den Reihen eines Berufsstandes, den er unterschätzt hatte (Wendt)“. Als Reaktion gründete man in Leipzig 1918 den „Verband der deutschen Antiquariats- und Exportbuchhändler“, dem auch Brockhaus angehörte. Die Verbindung zwischen den beiden Sparten war also nicht nur in unserem Hause eng und selbstverständlich.  

4. Dezember 1943 – In Leipzig verbrennen 50 Millionen Bücher, das Lager von Brockhaus /Antiquarium ist davon ein verschwindend geringer Teil 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert sich die Spur des Antiquariums bei Brockhaus. Die Lage des Verlags war prekär. Keinesfalls wollte man mit den neuen Machthabern sympathisieren, obgleich Brockhaus-Autor Sven Hedin an der Seite Hitlers in Berlin die Olympiade 1936 eröffnete. Eine Schließung der Firma durfte man aber gleichfalls nicht riskieren. Laut Thomas Keiderling, der die Dokumentation F. A. Brockhaus 1905–2005 herausgegeben hat, ist dennoch nichts über eine direkte Einflussnahme durch die Nationalsozialisten bekannt. Über Brockhaus /Antiquarium weiß man nur, dass keine Sammlungen und Bücher aus jüdischen oder Emigranten-Bibliotheken angekauft wurden.

Am 4. Dezember 1943 erfolgte der Luftangriff auf Leipzig. Nach Schätzungen verbrannten in dieser einen Nacht in der Verlags- und Buchhandelsstadt über 50 Millionen Bücher. Auch F. A. Brockhaus wurde getroffen. Die Gebäude in der Querstraße brannten fast völlig aus, ebenso das Antiquarium mitsamt seinem Lager und seinem Archiv. Im „F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“ verbrannten Bücher im Wert von 39.271,89 Reichsmark.  

1945 bis 1950 – Der „Große Brockhaus“ geht nach Wiesbaden, Brockhaus Kommissionsgeschäft, Sortiment und Antiquarium lassen sich in Stuttgart nieder 

1945, Ende der Nazi-Diktatur, vier Besatzungszonen mit unterschiedlichen ökonomischen Perspektiven – und F. A. Brockhaus in Leipzig mit einem altehrwürdigen, aber nahezu vollständig zerstörten Stammhaus, ohne Lager und Infrastruktur. Wie – und wo – sollte man neu anfangen? Ein Teil des Verlages siedelte in die amerikanische Besatzungszone nach Wiesbaden über und firmierte dort als „Verlag Eberhard Brockhaus“. Das Kommissionsgeschäft begann seine Fühler in Richtung Süddeutschland auszustrecken. In Leipzig geriet der Stammsitz F. A. Brockhaus mehr und mehr unter den Druck der russischen Besatzungsmacht. 1953 wurde das Familienunternehmen enteignet und zum „volkseigenen Betrieb“ VEB F. A. Brockhaus. Damit ging der traditionelle Name F. A. Brockhaus auf die Wiesbadener Firma über, wo man sich zu grundlegenden Veränderungen in der Unternehmensstruktur entschloss. Waren bei Brockhaus bis dahin sämtliche Bereiche vom Verlag über die Herstellung und den Druck bis zum Buchhandel unter einem Dach vereint, spaltete man nun die herstellenden und verbreitenden Zweige ab. So wurde aus den einstigen Abteilungen Kommissionsgeschäft, Sortiment und Antiquarium ein eigenständiges Unternehmen. Dessen Eintrag ins Handelsregister datiert auf den 14. Mai 1948. Neuer Name war „F. A. Brockhaus Kommissionsgeschäft GmbH“. Neuer Standort war eine Stadt, die wie Leipzig seit Jahrhunderten über eine Tradition als Zentrum des Buches verfügte: Stuttgart. Leiter war ein Urenkel desjenigen Heinrich Brockhaus, der 1856 die entscheidenden Impulse für Kommissionsgeschäft, Sortiment und vor allem für das Antiquarium gegeben hatte: Wolfgang Brockhaus. 

Wie der Urgroßvater, so der Urenkel: Wolfgang Brockhaus führt F. A. Brockhaus Kommissionsgeschäft und entwickelt eine Leidenschaft – sein Antiquarium 

Wolfgang Brockhaus wurde 1903 in Florenz als Sohn des Kunsthistorikers Heinrich Brockhaus geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Sortimentslehre bei Röhrscheid in Bonn und eine Verlagslehre bei Oldenbourg in München. Darauf folgten ein Volontariat in London sowie eine 13-monatige Geschäfts- und Bildungsreise nach Nord- und Südamerika. 1929 trat Wolfgang Brockhaus in die Firma ein, wo er im Kommissionsgeschäft sowie im Exportbuchhandel tätig und damit auch für das Antiquarium zuständig war. Nach Kriegsdienst und kurzer sowjetischer Gefangenschaft blieb er zunächst in Leipzig. Den Neuaufbau in Stuttgart organisierte Rudolf Hausmann unter der Regie von Wolfgang Brockhaus – der regelmäßig hin und her pendelte, bis er 1950 endgültig übersiedelte.

Die Anfänge in Stuttgart waren schwierig. F. A. Brockhaus Kommissionsgeschäft bezog ein Zimmer zur Untermiete in Weise’s Hofbuchhandlung; Hausmann persönlich brachte die Pakete mit dem Handwagen zur Post. Im Frühjahr 1951 konnte man endlich in der Räpplenstraße im Stuttgarter Bahnhofsviertel ein kriegsbeschädigtes Haus anmieten. Das heute klein und heruntergekommen wirkende Gebäude steht noch immer, überragt von modernen gläsernen Büropalästen und bedroht von einer beträchtlichen Baustelle namens Stuttgart 21. An der Lampe über dem Rolltor befindet sich sogar noch der schlichte Schriftzug: „Brockhaus“. Das Gebäude steht leer und ist (wieder) halb verfallen. Und doch kann man sich vorstellen, wie die bald über 50 Mitarbeiter, oft noch aus Leipzig stammend, in den Fünfzigern täglich durch die unscheinbare Eingangstür aus und ein gingen. Unter ihnen Wolfgang Brockhaus, fast zwei Meter groß, sehr mager, mit einer Ledermappe unter dem Arm, stets in einen grauen Anzug gekleidet und mit einem sehr betagten Hut auf dem Kopf. 

1956 – Neue Zählung zum Neubeginn, und ein programmatischer Titel: „Katalog 1 Geographie“ 

In Leipzig hatte WB, wie Wolfgang Brockhaus im Unternehmen genannt wurde (und wird), das Antiquariat faktisch neu gegründet. Von 1948 bis 1950 erschienen dort 22 Varia-Kataloge. Das Antiquariatslager – oder besser: das, was nach 1943 davon übrig geblieben war – musste Wolfgang Brockhaus bei seiner Übersiedelung nach Stuttgart zurücklassen. In der Räpplenstraße waren die Verhältnisse beengt, in den Räumen der Verlagsauslieferung herrschte Hochbetrieb, da man die Schweizer Verlage als Kunden gewonnen hatte und gleichzeitig die Auslieferung des Großen Brockhaus bewältigen musste. So erschien Katalog 1 von Brockhaus / Antiquarium erst im Juni 1956 – mit neuer Zählung als Zeichen des Neubeginns, 100 Jahre nach seiner Gründung durch den Urgroßvater des neuen Besitzers. Der Katalog war richtungsweisend. Er trug den schlichten Titel Geographie.

Es gab immer Antiquare und Gehilfen bei Brockhaus. Von 1955 bis 1968 war zum Beispiel Kurt Heinrich Köhnlein in der Räpplenstraße tätig. Später füllte diese Position für einige Jahre Inge Utzt aus, bevor sie ihr eigenes Antiquariat gründete. Noch bis zu seinem Tod trug Wolfgang Brockhaus persönlich die letzte Verantwortung für Einkauf, Preise und Katalogplanung. Dabei stellte er die Weichen für die Spezialisierung von Brockhaus /Antiquarium, mit der das Antiquariat heute – 54 Jahre und 201 Kataloge später – ins 21. Jahrhundert geht. Durch seine Initiative wurde Brockhaus / Antiquarium eines der führenden Spezialantiquariate für Geographie, Reisebeschreibungen, Entdeckungsgeschichte und Völkerkunde. W.B. und sein Antiquarium schlossen an die Tradition an, die Heinrich Brockhaus und Paul Trömel 1861 mit der Bibliothèque Américaine begründet hatten. Katalog 2 der neuen Stuttgarter Ära erschien im März 1957, es folgten durchschnittlich vier Kataloge pro Jahr – in jeweils 4.000 Exemplaren. Jeder Universitätsbibliothekar, so wünschte es sich Wolfgang Brockhaus, sollte regelmäßig ein Angebot von Brockhaus / Antiquarium auf seinem Schreibtisch vorfinden – weltweit. 

Stuttgart, Räpplenstraße 20 – Zu teuer? „Wer’s sucht, zahlt jeden Preis.“ Verkauft? „Dann war’s zu billig.“

Zum ersten Mal seit Heinrich Brockhaus entwickelte mit Wolfgang Brockhaus ein Familienmitglied eine große innere Beziehung zum Antiquariat. Sein Herz hing an diesem Zweig des Buchhandels. Dem Antiquarium widmete er einen größeren Teil seiner Arbeitszeit als es der wirtschaftlichen Bedeutung der Abteilung im Unternehmen entsprach. Ganz ähnlich war es schon in den Anfängen von Brockhaus / Antiquarium, in den Zeiten von Heinrich Brockhaus und Paul Trömel gewesen. Bis heute hat sich daran nichts geändert: Das Antiquariat im Hause Brockhaus ist die mit Abstand kleinste Abteilung, vor über 150 Jahren wie in der Gegenwart. Trotzdem – oder gerade deshalb – genießt sie das besondere Augenmerk der Geschäftsleitung und der Familie Brockhaus.

Wer die Atmosphäre in der Räpplenstraße kannte, dem wird die enge Treppe, das winzige Besucherzimmer und der dunkle Raum des Antiquariums, der vom Lärm der mechanischen Schreibmaschinen erfüllt war, in Erinnerung bleiben. Ebenso unvergessen ist Wolfgang Brockhaus. WB war allgegenwärtig, in gewissem Sinne ist er es bis heute. Längst ist Brockhaus mit allen Abteilungen und moderner Technik nach Kornwestheim umgezogen. Aber immer noch heißt ein kleines Besprechungszimmer neben dem Antiquarium das „WB-Zimmer“. Darin stehen WB’s Schreibtisch, sein alter abgenutzter Drehsessel und eben jene Neueingänge, die er so gerne in Augenschein nahm.

Unvergessen sind die Nachmittage in der Räpplenstraße, wenn WB vom Mittagessen zu Hause zurückkehrte, um sich die soeben bearbeiteten Bücher vorlegen zu lassen. Ausgestattet mit einem phänomenalen Gedächtnis, kannte er die meisten Werke oder hatte doch schon von ihnen gehört. Er blätterte in Ruhe in den Büchern, las wohl auch hie und da, machte mit einem spitzen Bleistift Korrekturen auf den Aufnahmekärtchen und fragte schließlich den neben ihm stehenden Antiquar: „Nun, und was soll es kosten?“ War Wolfgang Brockhaus mit der Antwort unzufrieden, wiegte er den langen, schmalen Kopf, brummte „Hmhmhm“, lächelte, dann folgte sein Lieblingssatz: „Wer’s sucht, zahlt jeden Preis.“ Besonders teure Bücher bewahrte WB in einem schweren alten Panzerschrank in seinem Büro auf, dessen Schlüssel er in der Hosentasche bei sich trug. Wurde ein Rarissimum daraus verkauft, fragte er nach, wer denn wohl der Besteller sei. War es ein Kollege, machte er ein bedenkliches Gesicht: „Dann war’s zu billig.“ 

„Nun, Herr Werner, haben Sie etwas, was meinen Mann gefreut hätte?“ – Am 16. Dezember 1984 stirbt Wolfgang Brockhaus: ein Wendepunkt, auch für Brockhaus / Antiquarium 

Wissen, das nicht untergehen oder vergessen werden darf … kann es einen schöneren Ort als ein Antiquariat geben, an dem dieses aufbewahrt, gepflegt und dann weitergegeben wird? Allenfalls ein Verlag könnte so ein Ort sein, würde ein Brockhaus-Nachkomme argumentieren. Genau hier lag das Motiv der Liebe von Wolfgang Brockhaus, mit der er das Antiquarium neben Sortiment und Kommissionsgeschäft führte. Aus dieser Neigung heraus entschloss er sich 1960, dem Antiquarium einen Verlag anzugliedern, der seltene Reisewerke neu herausgab. Die großen Expeditionsberichte von Johann Reinhold Forster, Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius oder Engelbert Kaempfer ließ Wolfgang Brockhaus mit neuen Vorworten versehen und nachdrucken, ebenso verschiedene Atlanten wie den Katalanischen Weltatlas vom Jahre 1375 oder Die Peutingersche Tafel, und natürlich in einer Neubearbeitung den Kosmos eines der wichtigsten Reisenden des 19. Jahrhunderts, den WB besonders bewunderte: Alexander von Humboldt.

1978 zog sich Wolfgang Brockhaus aus der Geschäftsleitung zurück. Als Geschäftsführer traten sein Schwiegersohn Dr. Wolfgang Berg und Steffen Göhler in seine Fußstapfen. Ungeachtet seines hohen Alters kam WB nach wie vor täglich ins Antiquarium, las aufmerksam die Kataloge der Kollegen, fällte die wichtigsten Entscheidungen und schaute, immer mehr behindert durch ein hartnäckiges Augenleiden, die neuesten Titelaufnahmen und die Korrespondenz durch. Am 14. Dezember 1984 kam er zum letzten Mal, am 16. Dezember starb er. Wolfgang Brockhaus war ein geliebter und verehrter Chef, eine große Buchhändlerpersönlichkeit, welche die Brücke von Leipzig nach Stuttgart, von der Vergangenheit in die Gegenwart schlug, und ein Mensch, der mit ganzem Herzen an „seinem Antiquarium“ hing. Bis vor wenigen Jahren ließ es sich Frau Brockhaus nicht nehmen, die Stuttgarter Antiquariatsmesse zu besuchen und sich besonders schöne Stücke mit der immer gleichen Frage zeigen zu lassen: „Nun, Herr Werner, haben Sie etwas, was meinen Mann gefreut hätte?“ Katalog 100 ist dem Andenken von Wolfgang Brockhaus gewidmet. Er enthielt unter anderem eine sehr seltene Ausgabe von Martin Waldseemüllers Cosmographiae introductio, in der dieser den Namen eines jener Kontinente aus den Berichten Amerigo Vespuccis ableitete, den Wolfgang Brockhaus bereist, zu dem die Firma Brockhaus immer schon besondere Beziehungen gepflegt und dem der erste Katalog des Antiquariums 1861 gegolten hatte: Amerika. 

1967 und 1983 – Von der Räpplenstraße nach Vaihingen: Brockhaus / Commission sitzt vor dem Computer, während Brockhaus / Antiquarium weiter „Karten spielt“ 

Mit Wolfgang Brockhaus’ Tod war Mitte der Achtzigerjahre ein Wendepunkt gekommen. F. A. Brockhaus Kommissionsgeschäft firmierte fortan als „Brockhaus / Commission“ und wuchs weiter. Schon 1967 war es in der Räpplenstraße zu eng geworden, worauf man in Stuttgart/Vaihingen ein neues Gebäude für die Verlagsauslieferung errichtete. Die Abteilungen Brockhaus / German Books und Brockhaus / Antiquarium blieben vorerst in der nun stillen Räpplenstraße, zogen dann aber 1983 gleichfalls nach Vaihingen. Hier war das Antiquarium größer und heller, es gab einen Lastenaufzug und tatsächlich ein heizbares Lager. Nur einen Computer, den gab es noch nicht.

Während Brockhaus / Commission die Verlagsauslieferung 1971 erstmals auf ein leistungsfähiges EDV-System umstellte, schlugen die Uhren im Antiquarium merklich langsamer. Das war bei der damaligen Konkurrenz nicht anders. Da sich daran heute angesichts der Suchmaschinen und Metasuchmaschinen kaum mehr jemand erinnert, sei der „ganz normale Antiquariatsalltag“ vor der digitalen Zeitrechnung hier beschrieben: 

Man saß an Schreibtischen ohne Bildschirm, Maus und ergonomischer Tastatur, schrieb mit weichen 3B-Bleistiften Lagernummern in die Bücher oder tippte Titelaufnahmen mit Hilfe schwarzer mechanischer Ungetüme namens „Adler- Schreibmaschine“ auf Kärtchen und sortierte diese in große hölzerne Karteikästen ein, die vor den langen Regalreihen mit Nachschlagewerken – dem Handapparat – standen. In diesen Kästen waren die Kärtchen nach Fachgebieten und innerhalb der Fachgebiete alphabetisch geordnet. Sollte nun zum Beispiel ein Afrika-Katalog erscheinen, wurden die entsprechenden Kästen durchgesehen, die Titelaufnahmen nochmals – per Hand, später mit Tipp-Ex – korrigiert, nach Katalogkapiteln getrennt gestapelt, jeweils in die richtige Reihenfolge gebracht, sorgfältig in ein Paket gepackt und zum Drucker geschickt. Auf einer sogenannten Linotype, die man sich wie eine überdimensionale Schreibmaschine für den Bleisatz vorstellen muss, richtete dieser die Druckfahnen ein und schickte sie zurück ins Antiquariat, wo man Korrektur las und erst dann „Imprimatur“ erteilte. Jetzt wurde der Katalog – endlich – gedruckt. Darauf durfte ein Antiquariatsgehilfe die Karteikärtchen wieder einsortieren. Kamen dann per Postkarte oder Telex die ersten Bestellungen, begann das „antiquarische Kartenspiel“ aufs Neue. Die entsprechende Karte wurde aus dem entsprechenden Karteikasten gezogen, mit dem entsprechenden Vermerk „verkauft“ versehen und nun an seiner letzten Ruhestätte, dem „Repetorium Geographicum“, einsortiert – gleich nachdem ein erschöpfter Lehrling das entsprechende Buch, mit Buchhändlerknoten zum Paket verschnürt, zur Post getragen hatte. Übrigens: Das „Repetorium Geographicum“ ist ein riesiger Karteischrank mit 40 Schubladen, jeweils 1 Meter lang, und nach wie vor im Brockhaus / Antiquarium unentbehrlich. Noch immer finden sich darin Beschreibungen neu angekaufter Bücher, die weder bei Google noch im ZVAB noch im KVK noch im Jahrbuch der Auktionspreise auftauchen. Das sind die Glücksmomente eines Antiquars, der bei seiner täglichen Arbeit auf eine 150-jährige Tradition zurückgreifen darf.

Seit 1971 – Stuttgarter Antiquariatsmesse, Stand 22: „Bücher über alle Länder der Erde“ 

Und dennoch: Schon damals veränderte sich auch im Antiquariat sukzessive manches. 1982 war Frank Werner nach einer Lehre beim Antiquariat Habelt in Bonn sowie mehreren Jahren im Ausland und in Auktionshäusern als Gehilfe von Wolfgang Brockhaus in die Firma eingetreten. 1985 übernahm er die Leitung von Brockhaus / Antiquarium, unterstützt von Dr. Wolfgang Berg, der wie Wolfgang Brockhaus dem Antiquarium ebenso tatkräftig wie wohlwollend gegenüberstand und „im Hauptberuf“ das Kommissionsgeschäft führte.

Mit dem Stuttgarter Neubeginn wurde Brockhaus / Antiquarium Mitglied in der Vereinigung Deutscher Buchantiquare und Graphikhändler e.V., 1968 dann im „wiedervereinigten“ Verband Deutscher Antiquare e.V und damit in der International League of Antiquarian Booksellers (ILAB). Seit 1971 ist man regelmäßiger Gast auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein. Dort war jahrzehntelang Stand 22 für Brockhaus reserviert, gleich am Eingang in den großen Saal der Buchantiquare, neben Herbert Blank und Walter Alicke von Interlibrum auf der einen und Harald Wiermann vom Hamburger Antiquariat auf der anderen Seite. Obgleich sich die Anordnung der Stände ebenso wie die Standnachbarn mit den Jahren geändert haben, eines ist bis in die Gegenwart geblieben: Brockhaus / Antiquarium zieht die Blicke der Besucher auf sich. Das liegt nicht allein (wie jedes Jahr mindestens ein Kollege nicht versäumt süffisant zu bemerken) an der exotischen Blumendekoration und den Smarties. Die Buchstützen, die als Indianer, Elefanten und Eskimos den Messestand schmücken, repräsentieren die Regionen, aus denen die Reisewerke stammen, die das Antiquarium anbietet. „Bücher über alle Länder der Erde“ – dafür steht das Brockhaus/Antiquarium.

Eines wurde in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend wichtiger: Ein schlichter, wissenschaftlicher Katalog, der wie im 19. Jahrhundert allein schon durch die Masse des Angebots besticht, vermag den Erwartungen der Kundschaft in Zukunft kaum noch zu genügen. Das wertvolle Einzelstück ist gefragt. Spätestens in den achtziger Jahren begann die Bibliophilie das wissenschaftliche Antiquariat nach und nach abzulösen. Da Brockhaus niemals ein Ladenantiquariat war, bieten die Kataloge neben den Antiquariatsmessen und dem Internet die einzigen Wege, sich der Öffentlichkeit zu empfehlen. Dabei möchte sich Brockhaus so farbenfroh, spannend, abwechslungsreich und interessant wie möglich zeigen. Das ist das Antiquarium seiner Spezialisierung schuldig, zumal die ehemals druckfrischen „Brockhaus-Bücher“ eines Nansens, Hedins oder Stanleys heute den Grundbestand des antiquarischen Lagers bilden.  

Fahrendes Volk, Fliegt mit! und The North American Indian – Das Brockhaus /Antiquarium verändert sein Gesicht 

Ein Katalog pro Kontinent pro Jahr war die Maßgabe von Wolfgang Brockhaus. In groben Zügen ist Brockhaus / Antiquarium diesem Konzept treu geblieben, hat es aber behutsam den sich ändernden Bedingungen in der Antiquariatsbranche angepasst. Die Kataloge sind schmaler geworden, dafür farbiger und vielseitiger. Immer häufiger kommen Spezialkataloge hinzu. Fahrendes Volk – Menschen unterwegs umfasste 1.500 Titel über Menschen, die in aller Welt auf den Beinen sind: Zirkusleute, Schausteller, fliegende Händler, Wandermusiker, Moritatensänger, Landstreicher, Abenteurer, Sklaven, Gauner, Gaukler, Flüchtlinge, Pilger, Sinti, Roma und viele andere mehr. Ein Meilenstein waren auch die Fliegt mit!–Kataloge, die Brockhaus zusammen mit den Antiquariaten Gerhard Gruber, Interlibrum, Franz Siegle, Winfried Geisenheyner und Patzer & Trenkle veröffentlichte. Hier wurde das Thema „Reisen“ einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet: Nicht das Wohin, sondern das Wie stand im Vordergrund. Zum 25-jährigen Jubiläum der Mondlandung erlebte das Fliegen – ganz gleich ob im Ballon, im Doppeldecker oder in der Rakete – damit einen antiquarischen Höhenflug.

Darüber hinaus konnte Brockhaus /Antiquarium in den Achtzigern und Neunzigern eine Reihe wichtiger Gelehrtenbibliotheken erwerben, etwa die des bedeutenden Südseeforschers Herbert Tischner, ebenso Sammlungen mit den Werken Ludwig Salvators und Alexander von Humboldts sowie eine Bibliothek mit über 2.000 Titeln Indianer-Literatur. Ein ganz besonderer Ankauf aber sticht heraus: Der wohl berühmteste Indianer-Photograph Edward S. Curtis bereiste Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 30 Jahre lang die Gebiete westlich des Mississippi und dokumentierte die Lebensweise der Indianer von der mexikanischen Grenze bis nach Alaska. Ein großer Teil seiner ausdrucksstarken Photographien ist in einen Brockhaus-Katalog eingegangen: The North American Indian

Eine „Schatzkammer“ ohne Staub - Wie passt das zusammen? 

So festigte sich mit den Jahren der Ruf von Brockhaus / Antiquarium als eine der ersten Adressen für Bücher über alle Länder und Menschen der Welt, obwohl die Kataloge längst nicht mehr in einer Auflage von über 4.000 Exemplaren wie zu Wolfgang Brockhaus’ Zeiten in eben jene hinausgehen. Das Profil des Antiquariatsbuchhandels wandelte sich. So vollzog man den Schritt vom  wissenschaftlichen zum bibliophilen Antiquariat. Zumal sich der Kundenkreis jetzt ganz ähnlich zu erweitern begann wie damals in der Geburtsstunde der „Brockhaus-Bücher“. Neben die wissenschaftlichen Bibliotheken treten zunehmend Privatkunden, die ihrem Fernweh folgen, die im Eisbrecher durch die Nord-West-Passage reisen, auf Trekking-Pfaden das Dach der Welt erwandern und auf oder nach ihren eigenen Abenteuern nachlesen möchten, was andere vor ihnen erlebten. Das kommt dem Selbstverständnis des Brockhaus / Antiquariums entgegen, ist es doch schon dem Namen nach seit Anbeginn eine Schatzkammer für Exotisches und Außergewöhnliches, das nicht in jedem Bücherschrank zu finden ist und doch fast jeden Geographie- Begeisterten interessiert.

Eine Schatzkammer, ein „Antiquarium“ eben, ganz wie im 19. Jahrhundert. Das signalisieren die Bücher, die Brockhaus auf den Antiquariatsmessen zeigt, das spiegelt der Inhalt der Kataloge wider. Reiseliteratur zudem, die bei Brockhaus seit Nansens und Hedins Beststellern für Farbe und Abenteuer steht. Und dann wird der Besucher, der mit Frank Werner einen Termin vereinbart, bei Brockhaus von einer freundlichen Stimme über die Gegensprechanlage gebeten, die sich automatisch öffnende Glastür zu durchschreiten, mit dem Aufzug in den zweiten Stock hinaufzugleiten, sich dort nach links zu wenden und in das nächst gelegene Großraumbüro einzutreten … 

Brockhaus /Antiquarium – die kleine, aber feine Abteilung eines modernen Verlagsunternehmens, zugleich eine der ersten Adressen für Reisebeschreibungen und Entdeckungsgeschichte 

Wo ist der Staub? Wo sind die alten, brüchigen Regale? Wo sind die Bücherstapel, die umkippen, sobald man die  knarrenden Holzdielen betritt? Gibt es hier keine Grabbelkisten mit zerfledderten Taschenbüchern, pro Stück 50 Cent oder geschenkt? Wo ist die „Romantik“, die jeder Bücherliebhaber mit einem Antiquariat verbindet? Im Brockhaus / Antiquarium ist das alles etwas anders. Farbe und Abenteuer bleiben den angebotenen Büchern, den reich illustrierten Katalogen, den ausführlichen Buchbeschreibungen und den Messepräsentationen vorbehalten. Dahinter stehen moderne Technik und Logistik, wie man sie in einem Antiquariat kaum vermuten würde.

Es zahlt es sich immer wieder aus, dass Brockhaus / Antiquarium in dieser Hinsicht zu den letzten antiquarischen „Dinosauriern“ gehört. War es früher eine gute Tradition des Verlagswesens, neben dem eigentlichen Verlagsgeschäft auch ein Sortiment und ein Antiquariat zu betreiben, ist Brockhaus / Antiquarium heute eine der letzten Firmen, die den kleinen Teil eines großen Ganzen bildet. Als kleine, aber feine – und mit einem gewissen Stolz etwas rückwärtsgewandte, traditionsbewusste – Abteilung eines modernen Großunternehmens profitiert das Antiquarium von Technik, Logistik und Buchhaltung der Verlagsauslieferung. Diese nimmt dem Antiquar sogar das Packen und Versenden ab, ebenso das Verbuchen der Rechnungen und das Mahnwesen. Der Nachfolger Paul Trömels kann als Brockhaus-Antiquar im 21. Jahrhundert noch dem Luxus fröhnen, sich fast ausschließlich mit den Büchern zu beschäftigen – und das Verwalten der Verwaltung zu überlassen. Da packt man natürlich gerne die Bananenkisten, räumt das Lager, schlägt die Regale ab und lädt die Karteikästen ein, wenn „der große Brockhaus“, das Kommissionsgeschäft, sich wieder einmal vergrößert und umzieht –  1990 von Stuttgart/Vaihingen nach Kornwestheim. 

1990 – Brockhaus / Commission expandiert weiter und zieht nach Kornwestheim, das Antiquarium zieht mit und kommt in der Zukunft an 

In Stuttgart/Vaihingen platzte Brockhaus / Commission aus allen Nähten. Da entschloss sich die Geschäftsleitung zu einem erneuten großen Schritt, kaufte in Kornwestheim bei Stuttgart das Gelände des ehemaligen Motorradherstellers Kreidler und errichtete dort einen neuen Standards entsprechenden Gebäudekomplex. 1989 zog die Verlagsauslieferung dort ein, 1990 folgten Brockhaus / German Books und Brockhaus / Antiquarium.

Im neuen Büro fehlten die Schreibmaschinen, der Computer löste das „Kartenspiel“ ab. Die Titelaufnahmen aller vorhandenen Bücher wurden von den Karteikarten in die EDV übernommen, bei einem gut gefüllten Antiquariatslager von über 10.000 Werken keine Kleinigkeit.

„Oh, Brockhaus! Well, did your books arrive this year?“ – 500 wertvolle Bücher, spurlos verschwunden! 

Trotz aller ökonomischer Vorteile und Annehmlichkeiten der Infrastruktur, die das Eingebettetsein in ein Buchhandelsunternehmen wie Brockhaus / Commission mit sich bringt: Ein Antiquar wird niemals vergessen, was im Zentrum seines Handel(n)s steht – seine Ware, die Bücher. Wie unerlässlich diese im wahrsten Sinne des Wortes sind, erfuhr man bei Brockhaus zur Jahrtausendwende. Brockhaus / Antiquarium ist seit Jahren auf den nationalen und internationalen Messen präsent, vor allem auf den beiden wichtigsten europäischen Verkaufsausstellungen, in Stuttgart und in London, pflegt man die Kundenkontakte und zeigt, welche Schätze im Kornwestheimer Stammhaus im Lager ruhen. Auf einer Antiquariatsmesse jedoch, im Olympia Exhibition Centre im Londoner Stadtteil Kensington, erlangte das Antiquarium eher traurige Berühmtheit – an einem bücherlosen Messestand.

Die Messeware war verpackt, auf eine Palette verladen und per Spedition auf den Weg nach London gebracht worden. Nur: Dort kam sie niemals an. Über 500 handverlesene Bücher verschwanden spurlos zwischen Kornwestheim und London. Alle Nachforschungen waren erfolglos. So blieb Frank Werner nichts anderes übrig, als in die Weltstadt aufzubrechen, um dort den leeren Brockhaus-Stand zu hüten, an dessen Regalen ein offener Brief an die werte Kundschaft hing:

„Dear Customer! This stand should be full of beautiful and desirable books. However, our carrier has let us down badly, and they got lost in transit. We do hope that the books will eventually turn up again …“

Die Bücher sind niemals wieder aufgetaucht, sondern wohl für immer verloren. Es bricht jedem Bibliophilen das Herz, darüber zu spekulieren, wo sie geblieben sein mögen. Da ist es ein schwacher Trost, dass der Werbeeffekt eines leeren Messestandes offensichtlich nicht zu unterschätzen ist. Noch Jahre nach dem Desaster ist es auf der Londoner Antiquariatsmesse ein geflügeltes Wort der Begrüßung: „Oh, Brockhaus! Well, did your books arrive this year?“ 

Die Brockhaus-Kataloge – Unser schönstes Schaufenster 

Glücklicherweise hat dieser herbe Verlust der Geschichte des Brockhaus / Antiquariums kein Ende gesetzt. Neue Ankäufe seltener Einzelstücke und ganzer Sammlungen, aber auch Altbestände wie Restauflagen aus dem Verlag de Gruyter, haben das Lager wieder gefüllt und bilden die Grundlage für das bewährte Brockhaus- Konzept: Auf den Antiquariatsmessen, unter www.brockhaus-antiquarium.de und in den jährlich fünf bis sechs Katalogen bringt das Antiquarium seinen Kunden die Welt über das Buch ein Stückchen näher.

Dabei sind die Brockhaus-Kataloge das schönste Schaufenster des Antiquariums. Gerade deshalb gilt ihnen – auch gegen den Trend – das besondere Augenmerk. Sie sind reich illustriert, die Ware ist ausführlich beschrieben, in wenigen Worten werden die Geschichten, die hinter den Expeditionsberichten und ethnologischen Werken stehen, erzählt. Selbst der erfahrenste Sammler findet in ihnen immer etwas, das er noch nicht in seinen Regalen hat. Die Brockhaus- Kataloge entführen die Bibliophilen nach Afrika, Asien, Amerika und in die Polarregionen. Und wer über die klassische kontinentale Katalogplanung lesend hinausreisen möchte, kann zu den Spezialkatalogen greifen.

So stellte Brockhaus via Katalog unter Beweis, dass auch Frauen reisen … und die Abenteuer nicht den Männern vorbehalten sind. Vom Fräulein Weltenbummler, das in den zwanziger Jahren Afrika und Asien erkundete, über Isabella Bird, Lady Anne Brassey, Alexandra David-Neel, Ella Maillart, Ida Pfeiffer und vielen anderen spannte sich der Bogen der Abenteuerinnen bis zur Orchidee vom Rio Teia, die ein „Mädchenleben in Urwaldhütte und Fazenda“ führte. Regelmäßig stehen für die Weltenbummler und Wassersportler die Reisen mit Kajak, Einbaum, Floß, Ruder- und Faltboot im Mittelpunkt. Vor drei Jahren hieß es In die weite Welt hinein, als Brockhaus /Antiquarium einen Katalog ausschließlich den Reisen in Kinder- und Bilderbüchern widmete. Der Stand auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse war 2002 nicht nur von den klassischen (erwachsenen) Bibliophilen belagert, sondern auch von den (sehr) jungen Sammlern, die ein gut hundert Jahre altes Spiel namens Indische Rutschbahn bewunderten und wieder und wieder jubelnd an einer Papplasche zogen: Von einer mit farbenprächtigen exotischen Illustrationen geschmückten Rutschbahn stürzten sich nämlich Sultansfiguren mit hübschen Turbanen auf den Köpfen in die Tiefe, um unten eine möglichst hohe Punktlandung hinzulegen. Dann noch ein paar Smarties und schnell weiter, Mama und Papa hinterher ...

Eine „Schatzkammer“ des 19. Jahrhunderts – im 21. Jahrhundert 

1999 hat sich Dr. Wolfgang Berg aus der Geschäftsleitung zurückgezogen. An seine Stelle ist Matthias Heinrich getreten, unter dessen Ägide sich die Tradition des Familienunternehmens fortsetzt: Brockhaus/ Commission expandiert erneut  – und Brockhaus / Commission ist noch immer ein Haus des Buches, das unter seinem Dach die drei wichtigsten Buchhandelssparten vom Kommissionsgeschäft über das Sortiment bis zum Antiquarium vereinigt. Was Friedrich Arnold Brockhaus 1805 als Verlag begann, Heinrich Brockhaus zunächst um Kommissionsgeschäft, dann 1856 um „F. A. Brockhaus’ Sortiment und Antiquarium“ bereicherte und Wolfgang Brockhaus nach 1945 als „F. A. Brockhaus Kommissionsgeschäft“ (mit seinem Antiquarium) wieder belebte, hat im 21. Jahrhundert als Brockhaus / Commission Bestand. Das unternehmerische Erfolgsrezept ist die Innovation; im Buchhandel kann sich nur behaupten, wer sich den neuesten Entwicklungen nicht verschließt. Doch das Besondere an Brockhaus ist, dass man sich in Kornwestheim zugleich der Tradition verpflichtet weiß. Dafür steht die kleinste Abteilung, das Brockhaus /Antiquarium, nach wie vor unter der Leitung von Frank Werner. Mit den Vorteilen eines modernen Unternehmens im Hintergrund wird es auch im 21. Jahrhundert eine „Schatzkammer“ für Seltenes und Wertvolles, Außergewöhnliches und Exotisches bleiben – wie vor über 150 Jahren.

Denn wer will es ernsthaft bestreiten? Es kann kein schöneres „Antiquarium“ geben als eines für alte Reisebeschreibungen und Expeditionsberichte, von dem aus so seltene Faszinosa wie das erste auf Grönland gedruckte Buch (eine Sammlung von Eskimo-Märchen) oder die berühmten Vue pittoresques des Cordillères Alexander von Humboldts den Weg in bibliophile Hände finden – und das nicht etwa in einer „Normalausgabe“, nein: prachtvoll auf Pergament gedruckt, mit einem leuchtenden Chimborazzo als koloriertem Kupferstich, der das Fernweh weckt wie die Bücher über die entlegensten Winkel der Welt, die Brockhaus / Antiquarium sicher noch lange finden und anbieten wird. 

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